Von den Geschäften der Kurfürstin Anna

Anna von Sachsen war eine ungewöhnlich geschäftstüchtige Renaissancefürstin. Sie verfügte über herausragende landwirtschaftliche Erfahrungen und Kenntnisse und trug damit am kursächsischen Hof zu Dresden zu einer Blüte der Agrarwirtschaft bei.

Der folgende Artikel wurde im Magazin der deutschen Forschungsgemeinschaft 02/2005 von Ursula Schlude M.A., Prof. Dr. Heide Inhetveen und Albrecht Hoch M.A. von der Universität Göttingen veröffentlicht.

Im Lesesaal ist das Klappern von Tastaturen zu hören, gelegentlich ein Flüstern. Das Sächsische Hauptstaatsarchiv in Dresden ist, wie alle Archive, ein Ort der stillen Leidenschaften. Die Frauengeschichtsforscherin sucht in alten handschriftlichen Dokumenten Zeugnisse weiblicher Autorschaft. Eine Fülle davon hat die Dresdner Herzogin und Kurfürstin Anna von Sachsen (1532 bis 1585) hinterlassen. Ihre gesamte Korrespondenz mit Fürstinnen und Fürsten, mit Verwaltern und Hofleuten, lässt sich auf etwa 16 000 deutschsprachigeBriefe und Briefkopien beziffern. Es sind lebenspraktische Mitteilungen, Anfragen, Nachrichten, Ratschläge, Anweisungen und Bescheide. Sie zeugen von den energischen Aktivitäten einer Renaissancefürstin, ihrer Betriebsamkeitund Kompetenz in Politik, Theologie, Botanik und, was mit der Lebenswelt einer Fürstin kaum vereinbar scheint, auch in landwirtschaftlichen Fragen. Das Agrarwissen von Frauen, ihre Kenntnisse und Leistungen in Gartenbau,Landwirtschaft und wirtschaftlicher Betriebsführung, war für die Geschichteder Agrarwissenschaft bisher kein Thema.

Anna von Sachsen lebte von 1532 bis 1585 während der geistig bewegtenZeit der Reformation und Renaissance, die nördlich der Alpen später einsetzte. Alte Schriften, auch über die Landwirtschaft, kamen in dieser Epoche ans Lichtund regten zur Nachahmung an. Mit dem Buchdruck fanden die Werke der Antike populäre Verbreitung. Fachwissen und Expertentum wurden nicht nur an Universitäten gepflegt, sondern auch am Fürstenhof, im Handwerks- undKünstlerbetrieb, im Kloster und auf dem Gutshof. Anna von Sachsen, geborene Prinzessin von Dänemark (aus dem Hause Oldenburg), hat in ihrer Jugend am dänischen Königshof Pflanzenheilkunde und Botanik studiert und wahrscheinlich auch Grundlagen des Gartenbaus und der fortschrittlichen dänischen Landwirtschaft erlernt. Ihre kompetente Leitung von etwa 70 Gutsbetriebenam kurfürstlichen Hof in Dresden spricht dafür. Ranghohe Frauen wie Prinzessin Anna wurden auf spätere „Führungspositionen“ vorbereitet. Als Gemahlin desHerzogs und Kurfürsten August von Sachsen (1526 bis 1586) war sie Mitgliedeiner politisch mächtigen Fürstenfamilie, die das Oberhaupt des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation „küren“, das heißt wählen, durfte.

Anna war Protestantin in zweiter Generation. In ihren Briefen ist die Verantwortung zu spüren, die sie als mitregierende Fürstin für den guten Ausgang der religiösen Umwälzung übernimmt. Auch Annas wirtschaftliche Interessen und Überlegungen hängen mit der neuen Glaubensdoktrin zusammen. In den protestantischen Fürstentümern war die wirtschaftliche Konkurrenz der Kirche weitgehend ausgeschaltet. Durch Martin Luther erfuhr die Ehe eine Aufwertung als Institution, als Kernzelle für Herrschaftsausübung und ökonomisches Engagement. Fürst und Fürstin sollten als pflichtbewusstes eheliches Arbeitsteam begriffen werden. Den christlichen Frauentugenden Demut und Gehorsam fügte die protestantische Ideologie lebenspraktische Tugenden hinzu: Fleiß und so genannte Rechenhaftigkeit. In diesem Sinn hat die protestantische „Landesmutter“ Anna zur Wirtschaftspolitik ihres Gemahls viel beigetragen. Annas Initiative ist es zuzuschreiben, dass die kursächsischen Gutsbetriebe oder „Vorwerke“, wie man damals sagte, ab 1568 wieder verstärkt selbst bewirtschaftet wurden. Anna bestellte neue Regionalverwalter ins Amt und einen fachkundigen Berater, den sächsischen Adligen Abraham von Thumbshirn, mit dem sie ihre Ideen und Ziele besprach.

Ein regierendes Ehepaar wie Anna und August von Sachsen betätigte sich in hohem Ausmaß wirtschaftlich, sie bildeten eingemeinsames Unternehmen. Ein großer Teil ihrer Einkünfte wurde auf den eigenen Gutsbetrieben mit den Arbeitsleistungen der bäuerlichen Erbuntertanen erwirtschaftet. Das Steueraufkommen war gering. Wollte man diese Situation mit einer in die heutige Zeit passenden Analogie veranschaulichen, wäre es in etwa so, als würden der Bundeskanzler und seine Frau einen Automobilkonzern betreiben und den gesamten Hofstaat, sprich die Administration des Bundeskanzleramts wie aller anderen Regierungsinstitutionenaus eigenen Mitteln unterhalten. Die Dokumente des 16. Jahrhunderts zeigen verblüffende Details des landwirtschaftlichen Alltags am kursächsischen Hof in Dresden. Wenn Anna die Umsetzung von 200 Schafen fürdie Hofküche nach Dresden anordnet, wenn umständlich erlaubt wird, dass ein Vorwerksverwalter im kursächsischen Wald Holz zur Reparatureines Stalldaches schlagen darf, mag man kaum glauben, dass Personen mit herzoglichem Titel sich mit solchen Einzelheiten befassten. Es zeigt uns aber, mit welch peinlicher Sorgfalt im 16. Jahrhundert die natürlichen Ressourcen eines Waldes, einer Schäferei oder eines Ackers kontrolliert wurden. Nahezu alles, was man am Hof in Dresden verspeiste, kam aus eigener Wirtschaft. Anna sorgte persönlich dafür, dass die produzierten Überschüsse an Butter und Käse zu guten Preisen auf den Markt gelangten. Wenn Anna und August, wie etwa im Frühjahr 1570, von Dresden aus zur Kur ins böhmischeKarlsbad fuhren, orderten sie beachtliche Mengen an Fisch, die in den Gewässern des Erzgebirges gefangen und in Fässern nachgeschickt wurden. Auch für andere Aufenthalte, wie etwa zu den Reichstagen, kam der Proviant aus Dresden. Sogar das Kochgeschirr und ein Reiseherd wurden mitgenommen. In der damaligen Zeit war das modernste Logistik.

Die kursächsische Landwirtschaft funktionierte als Befehlswirtschaft. Darüber kann auch der respektvolle Ton in Annas Briefen an ihre adligen Verwalter nicht hinwegtäuschen. Der „e(h)rbarliebe besondere“ Untergebene hatte sich an die Entscheidungen von oben zu halten, zum Beispiel daran, dass die Erträge aus den Vorwerken grundsätzlich in Geldwert verrechnet werden sollten, auch wenn sie intern am kurfürstlichenHof konsumiert wurden. Wirtschaftswissen, damals nannte man es „Haushaltung“ oder „Oeconomia“,war zu Annas Zeit vorallem land- und hauswirtschaftliches Wissen. Es wurde, wieviele andere Wissensbestände, die heute anUniversitäten gelehrt werden, noch weitgehend mündlich übermittelt. Erst im ausgehenden 16. Jahrhundert entstanden in Mitteleuropa die ersten schriftlichen Werke der Agrarlehre, die sich von antiken Vorbildern abhoben und eigene Erfahrungen festhielten. Das früheste dieser Artstammt aus dem Umfeld des kursächsischen Hofs in Dresden. Die anonyme Handschrift „Haushaltung in Vorwerken“ (um 1570), ein Folioband von 366 Seiten, ist das erste volkssprachliche Werk, das sich auf die Agrarpraxis einer deutschen Region bezieht. Spätere gedruckte Landwirtschaftsbücher haben sich dieser Schrift bedient. Um herauszufinden, wie Kurfürstin Anna zur Entwicklung der sächsischen Landwirtschaft und zur Dresdner Agrarschrift beigetragen hat, sind subtile Textvergleiche notwendig. Ein wichtiges Kriterium dabei ist die „Rechenhaftigkeit“,charakteristisch für das kurfürstliche Ehepaar wie auch für die „Haushaltung in Vorwerken“. So wird dort etwa im Kapitel über die Schäferei der jährliche Nutzen eines Schafes buchstäblich bis auf den letzten Heller ausgerechnet.

Ein für die Agrargeschichte des 16. Jahrhunderts erstaunliches Dokument findet sich in der Korrespondenz Annas mit ihren Verwaltern. In einem Verzeichnis, datiert auf den 9. Oktober 1570, werden die Mengen an Saatgut aufgelistet, wie sie auf unterschiedlichgedüngten Ackerflächen ausgebracht wurden. Möglicherweise dokumentiert es den Beginn eines Feldversuchs. Die Variablen des mutmaßlichen Düngungsexperimentswaren Kuhmist, Schafmist sowie die direkte Beweidung mit Schafen, das so genannte „pferchen“.

Anna lernte aus eigener Erfahrung undim Austausch mit befreundeten Fürstenhäusern, sächsischen Adligen und bäuerlichen Untertanen. Ihre Erkenntnisse hütete sie zuweilen wie ein Betriebsgeheimnis, auch wegen der wirtschaftlichen Vorteile, die daraus resultieren konnten. Das kurfürstlich-sächsische Arbeitsteam Anna und August war auch magischen Praktiken nicht abgeneigt, in Fragen der Politik ebenso wie in der Landwirtschaft. Ein damals verbreitetes Wahrsageverfahren war die so genannte Geomantik. Über allem weltlichen und magischen Wissen aber respektierte die gleichermaßen fromme wie geschäftstüchtige Fürstin die Wissenschaft des Himmels, die göttliche Vorsehung. Den Bericht des Verwalters über das schlechteWetter und die verdorbene Heuernte im Sommer 1569 kommentierte Anna zuversichtlich: „Der allmechtige Gott werde desto reichlich und besser Graß gnediglich wachssen lassen.“